Keine Lust auf Sex nach der Geburt: Du bist damit nicht allein
Verschiedene Perspektiven
Die medizinische Sicht. Hormone, Gewebe, Heilung. Der wahre Kern daran ist groß: Vieles, was sich wie ein Beziehungsproblem anfühlt, ist ein Hormonwert. Eine Frau, die weiß, warum es trocken und empfindlich ist, hört auf, sich selbst zu verdächtigen. Der Preis ist, dass diese Erklärung dort aufhört, wo die Hormone wieder stimmen und trotzdem nichts zurückkommt.
Die Erschöpfungssicht. Wer nachts dreimal aufsteht und tagsüber an alles denkt, hat abends nichts mehr übrig. Der wahre Kern ist offensichtlich. Der Preis ist, dass daraus schnell ein Vertrösten wird: Wenn das Kind erst schläft, wird es schon. Bei vielen Frauen ist es nach einem Jahr nicht so.
Die Beziehungssicht. Nähe kommt zurück, wenn man wieder aufeinander zugeht. Der wahre Kern daran wird von der Forschung sogar gestützt, deutlicher als bei den anderen beiden. Der Preis ist die Richtung, in die dieser Rat oft kippt: hin zu mehr Bemühen, mehr Verabredungen, mehr Anstrengung. Genau das ist nicht, was die Untersuchungen zeigen.
Der Begriff, der im Deutschen fehlt. Viele Mütter beschreiben ein Gefühl, für das es bei uns kein Wort gibt: den ganzen Tag getragen, gestillt, angefasst worden zu sein und abends keine Berührung mehr zu ertragen. Im Englischen heißt das „touched out“. Dafür gibt es keine Studie und keine Zahl. Der Begriff ist entstanden, weil Frauen etwas benannt haben, wofür die Forschung noch keine Schublade hatte. Wir führen ihn hier als das, was er ist: eine Erfahrung, kein Befund. Sie ist deswegen nicht weniger wahr.
Unsere Haltung dazu
Der wichtigste Befund dieser Recherche ist keiner über Körper.
Man hat Paare in dieser Zeit befragt, Mütter und Väter getrennt. Fast alle machten sich Sorgen, und fast alle machten sie sich im Stillen. Beide Seiten lagen abends wach und dachten dasselbe, und keiner sagte es.
Und dann dieser eine Satz, der die Richtung der üblichen Ratschläge umdreht: Für die Zufriedenheit junger Mütter war es wichtiger, einen Partner zu haben, der ihr Bedürfnis versteht, keinen Sex zu haben.
Nicht den Partner, der sich besonders bemüht. Nicht mehr Verabredungen, nicht mehr Anstrengung. Den Partner, der das Nein versteht.
Das ist unsere Haltung, und sie ist nicht bequem. Sie nimmt Dir die Aufgabe ab, Deine Lust herstellen zu müssen, und gibt Deinem Partner eine, die schwerer ist als bemüht zu sein: aushalten, dass gerade nichts ist, ohne es als Urteil über sich zu lesen.
Ein Nein, das nicht verhandelt werden muss, macht Nähe wieder möglich. Ein Nein, das jedes Mal begründet werden muss, macht aus Zärtlichkeit eine Vorstufe und aus dem Sofa einen Ort, an dem man aufpasst.
Und der Umkehrschluss stimmt genauso wenig wie die Vertröstung: Dass ihr gerade keinen Sex habt, sagt nichts darüber, ob eure Beziehung trägt. Was etwas darüber sagt, ist, ob ihr darüber reden könnt.
