Die Eingewöhnung: Die Wochen, die vorher niemand beschreibt
Wie eine Eingewöhnung tatsächlich abläuft – Tag für Tag, Modell für Modell. Woran du erkennst, dass sie gut läuft, und was zu tun ist, wenn sie es nicht tut.

Die zwanzig Minuten sind für dich genauso lang wie für dein Kind.
Der vierte Tag. Du sollst jetzt für zwanzig Minuten aus dem Raum gehen, so steht es im Plan, den dir die Kita mitgegeben hat. Dein Kind sitzt auf dem Teppich und schiebt einen Holzklotz hin und her. Es hat dich noch nicht angesehen.
Und du stehst im Flur und weißt nicht, wohin mit dir.
Über die Eingewöhnung wird viel gesprochen, bevor sie losgeht. Über Betreuungsplätze, über Wartelisten, über das Modell, nach dem die Einrichtung arbeitet. Was in diesen Wochen tatsächlich passiert, beschreibt vorher niemand — und schon gar nicht, wie es sich anfühlt.
Was dahintersteckt
Die meisten deutschen Kitas arbeiten nach einem von zwei Modellen. Beide sind älter als die Sorgen, die du gerade hast, und beide beruhen auf derselben Beobachtung: Ein kleines Kind erkundet eine fremde Umgebung nur dann, wenn es jemanden hat, zu dem es zurückkann.
Das Berliner Eingewöhnungsmodell ist das verbreitetere. Es hat einen klaren Ablauf:
In der Grundphase — meist die ersten drei Tage — bleibt ein Elternteil dabei. Es wird nicht getrennt, gar nicht. Die Aufgabe des Elternteils ist dabei bemerkenswert unspektakulär: dasitzen, verfügbar sein, das Kind nicht schieben. Nicht animieren, nicht in die Gruppe schicken.
Am vierten Tag kommt der erste Trennungsversuch. Kurz, ein paar Minuten. Und genau dieser Versuch entscheidet über alles Weitere: Lässt sich das Kind von der Erzieherin trösten, wird eine kürzere Eingewöhnung angesetzt, mit rund sechs Tagen. Lässt es sich nicht trösten, wird eine längere daraus — zwei bis drei Wochen.
Danach folgen die Stabilisierungsphase, in der die Erzieherin nach und nach die Versorgung übernimmt, und die Schlussphase: Der Elternteil ist nicht mehr in der Einrichtung, aber jederzeit erreichbar.
Das Münchner Eingewöhnungsmodell setzt einen anderen Schwerpunkt. Es nimmt die anderen Kinder als eigene Kraft ernst — nicht nur die Erzieherin ist die Brücke, sondern auch die Gruppe. Die Kennenlernphase ist länger angelegt, und der Zeitpunkt der ersten Trennung richtet sich stärker danach, wann das Kind von sich aus Signale sendet.
Was beide gemeinsam haben, ist das Entscheidende: Die Trennung ist nicht der Anfang der Eingewöhnung, sondern ihr Ergebnis.
Und noch etwas, das in keinem Elternbrief steht: Der zuverlässigste Gradmesser ist nicht der Abschied, sondern das Wiedersehen. Ein Kind, das sich beim Abholen freut — oder das gerade dann zu weinen anfängt, weil es endlich darf —, hat die Sache verstanden. Ein Kind, das beim Abholen gar nicht mehr reagiert, hat sie nicht verstanden, sondern aufgegeben. Das ist der Unterschied, auf den es ankommt.

Häufige Fragen
Wie lange dauert eine Eingewöhnung wirklich?
Das Berliner Modell rechnet mit sechs Tagen im schnellsten Fall und zwei bis drei Wochen im Regelfall – und die Entscheidung darüber fällt erst am vierten Tag, beim ersten Trennungsversuch. Wer vorher einen Termin für den Wiedereinstieg braucht, sollte drei Wochen einplanen und sich über jede Woche freuen, die er nicht braucht.
Mein Kind weint beim Abschied. Läuft die Eingewöhnung schlecht?
Nicht zwangsläufig. Weinen beim Abschied ist Protest, und Protest ist ein gutes Zeichen: Das Kind hat verstanden, was passiert, und meldet sich. Kritisch ist das Gegenteil – ein Kind, das sich nicht mehr trösten lässt oder gar nicht mehr reagiert. Der verlässlichere Gradmesser ist ohnehin das Wiedersehen, nicht der Abschied.
Darf ich mich heimlich davonstehlen, wenn mein Kind gerade spielt?
Besser nicht. Ein Kind, das feststellt, dass die Mutter ohne Ankündigung verschwinden kann, beobachtet ab dann die Tür statt die anderen Kinder. Der kurze Schmerz eines klaren Abschieds ist leichter zu tragen als die Unsicherheit danach.
Was mache ich, wenn ich selbst nicht loslassen kann?
Das darfst du erst mal aussprechen – auch gegenüber den Erzieherinnen. Es ist häufiger als gedacht und kein schlechtes Zeichen. Praktisch hilft, sich die zwanzig Minuten vorher zu verplanen: ein Weg, ein Kaffee, ein Anruf. Nicht vor der Tür warten.
Quellen
- Braukhane, K. / Knobeloch, J. (2011): Das Berliner Eingewöhnungsmodell – Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung. KiTa Fachtexte, Kooperation Alice Salomon Hochschule Berlin / INA gGmbH – https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Braukhane_Knobeloch_2011.pdf
- nifbe – Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung: Berliner Eingewöhnungsmodell – https://nifbe.de/fachbeitraege/berliner-eingewoehnungsmodell/