Irgendwann in meiner Schullaufbahn lernte ich, dass Fehler sich vermeiden lassen. Wenn man nur genug aufpasst, genug lernt, genug gibt. Das funktionierte. In der Schule, im Studium, im Job, sogar in der Partnerschaft. Perfektionismus war kein Problem, er war mein Werkzeug.
Dann kam mein erstes Kind.
Ich hatte einen Plan: Ich machs anders als meine Eltern, ich schimpfe nicht, stillen so lange es geht, es gibt nur Bio-Lebensmittel, kein Bildschirm vor drei Jahren, jeden Wutanfall begleiten ohne selbst zu kollabieren. Ich hatte Bücher gelesen. Ich war vorbereitet. Was ich nicht eingeplant hatte: dass Theorie und Praxis zwei völlig verschiedene Sprachen sprachen.
Also „versagte“ ich. Natürlich gab es Nudeln mit Butter, weil das Kind picky war. Nachdem mein zweites Kind bereits 21 Monate nach dem ersten kam, saß die 1,5-Jährige auch mal vor dem TV. Habe ich geschimpft? Na klar. Kamen da Sprüche aus meinem Mund, die ich selbst in meiner Kindheit gehört hatte? Ohja.
Hinzu kam, dass Elternschaft isolierte. Das sagte einem vorher niemand so direkt und stand nicht in den Ratgebern, die ich vor den Geburten gelesen hatte. Ich verlor Freunde, Freunde die keine Kinder hatten, die ich aber eigentlich dringend gebraucht hätte um mit dem Kopf rauszukommen. Ich stand plötzlich vor Gefühlen aus der eigenen Kindheit, die ich längst wegsortiert geglaubt hatte. Die Partnerschaft veränderte sich, nicht dramatisch, sondern leise, weil keine Zeit mehr da war und die Erwartungen trotzdem blieben. Sport, Ernährung, Selfcare: alles, was vorher selbstverständlich gewesen war, fiel als erstes weg. Vom Schlafmangel fange ich gar nicht erst an.
Dabei erinnerte ich mich noch genau, wie ich früher über Kolleginnen gedacht hatte, die früher gegangen waren. Halbtags-Muttis. Die haben es gut, dachte ich, früher heim mit den Kindern. An alle Mütter, die damals früher gegangen sind: es tut mir leid. Ich hatte keine Ahnung, was nach diesem Heimgehen kam. Und die Mutter im Café, deren Kind auf das iPad starrte. Früher so ein schnelles Urteil. Heute weiß ich nicht, was sie am Morgen schon erlebt hat. Ob das ihr erster warmer Kaffee des Tages ist. Ich würde nie wieder urteilen.
Irgendwann kam das Peng. Und in diesem Moment bin ich vor all den Müttern auf die Knie gegangen, weil ich verstand: das hier ist der schwerste Job, den unsere Gesellschaft gleichzeitig für selbstverständlich hält.
Und da habe ich beide Schubladen zugemacht. Gute Mutter, schlechte Mutter. Die Frau, die alles im Griff hat, und die, die es nicht hat. Ich brauche diese Kategorien nicht mehr.
Was ich stattdessen habe: einen Alltag, der manchmal funktioniert und manchmal nicht. Ein Kind, das lebt, obwohl ich nicht immer Bio koche. Und das Wissen, dass Perfektionismus mich durch vieles gebracht hat, aber nicht durch das hier. Meine Kinder brauchen keine perfekte Mutter. Sie brauchen eine, die stolpert, weitermacht und ihnen zeigt, dass das Leben so aussieht.
Ich arbeite noch daran und es fällt mir nicht leicht, das Bild der perfekten Mutter hinter mir zu lassen. Aber der Preis, dass ich zusammenbrach bei dem Versuch etwas zu sein, was ich nicht bin, hat mich viel Kraft und Lebensfreude gekostet. Heute bin ich mehr bei meinen Kids und vor allem: bei mir selbst. Um uns herum türmen sich Berge an Wäsche, meine Kids schauen auch mal mehr als 20 Minuten Gabbys Dollhouse und ich atme in der Zwischenzeit ein wenig ein und aus. Ich versuche mehr im Hier und Jetzt zu sein. Ob mir das schwer fällt, gerade nicht aufs Handy zu schauen um das nächste Playdate zu organisieren oder mich in einem Reel-Wurmloch zu verlieren? Natürlich. Ich versuche es dennoch, und es hilft mir sehr.
Ich verurteile Eltern und Mütter nicht mehr für das, was sie tun. Denn ich weiß wie hart der Job ist. Und ich schaue mittlerweile sehr viel öfter wohlwollend rüber, in der Hoffnung, dass sie mich sieht und weiß: es ist ok. Für sie und ihre Kinder.
