Zum Inhalt springen

Was niemand über die Partnerschaft nach dem ersten Kind sagt

Nach dem ersten Kind leben viele Paare aneinander vorbei. Nicht weil die Liebe weg ist. Was dahintersteckt – und was tatsächlich hilft.

Seite 1 von 2

Gemalte Szene: Zwei Menschen sitzen an den entgegengesetzten Enden einer sehr langen Tafel in einem hohen Raum. Zwischen ihnen steht nur eine Karaffe.

Zwischen euch steht nicht nichts. Es steht nur weniger als früher.

Es gibt dieses Bild: Zwei Menschen, die sich lieben, bekommen ein Kind und wachsen dadurch noch näher zusammen. Die Familie wird größer, die Liebe auch. So wird es erzählt — in Filmen, von Freunden, auf Social Media.

Was seltener erzählt wird: dass das erste Kind für viele Paare der Moment ist, in dem sie anfangen, aneinander vorbeizuleben.

Nicht weil die Liebe weg ist. Sondern weil plötzlich eine Reihenfolge entsteht, die sich niemand ausgesucht hat. Erst das Kind. Dann der Job. Dann irgendwo dazwischen man selbst. Und die Beziehung? Die kommt, wenn noch etwas übrig ist.

Meistens ist nichts mehr übrig.

Was dahintersteckt

Das klingt hart. Es ist aber vor allem: gut belegt.

Der Rückgang der Beziehungszufriedenheit nach der Geburt des ersten Kindes ist einer der stabileren Befunde der Familienforschung. Eine Untersuchung der Universitäten Greifswald und Tilburg, veröffentlicht im Journal of Personality and Social Psychology, hat Frauen von den letzten Schwangerschaftswochen bis ein halbes Jahr nach der Geburt begleitet. Das Ergebnis ist doppelbödig: Positive Gefühle und das Erleben von Sinn steigen — Lebenszufriedenheit und Beziehungszufriedenheit sinken, und zwar schon zwischen der Schwangerschaft und den ersten zwei bis drei Monaten nach der Geburt.

Beides gleichzeitig. Das eine widerlegt das andere nicht.

Bei Vätern zeigt sich ein ähnliches Muster: Die Beziehungszufriedenheit fällt nach der Geburt — am deutlichsten bei denen, die zum ersten Mal Vater werden.

Drei Dinge kommen praktisch immer zusammen:

Alte Rollenbilder tauchen wieder auf. Wer steht nachts auf? Wer organisiert den Alltag? Wer merkt, dass das Kind aus den Schuhen herausgewachsen ist? Das läuft selten nach Absprache. Es rutscht still in eine Richtung — und irgendwann steht ihr davor und fragt euch, wie das passiert ist.

Ihr lernt einander unter Stress neu kennen. Wenn das Nervensystem blank liegt, greifen Menschen auf früh erlernte Muster zurück: aus der eigenen Kindheit, aus früheren Beziehungen, aus dem, was sie über den Umgang mit Druck gelernt haben. Plötzlich steht da eine Version des anderen, die du noch nicht kanntest. Das kann verwirren, verletzen, befremden. Diese Version anzunehmen oder wenigstens anzusprechen, gehört zum Schwersten, was Elternschaft einer Beziehung abverlangt.

Und dann ist da die Erschöpfung. Nicht die Müdigkeit nach einem langen Tag, sondern die, die sich in die Knochen setzt. Abends auf der Couch, und es ist nichts mehr da. Nicht für den anderen, nicht für dich. Ihr funktioniert. Alle sind satt, alle schlafen. Mehr ist nicht drin.

Und weil beide erschöpft sind, wird nicht geredet. Nicht über das Große, nicht über das, was sich verschoben hat. Man wartet, dass es besser wird. Man tut so, als wäre alles in Ordnung — weil die Alternative, es anzusprechen, noch mehr Energie kostet, die man nicht hat.

Gemalte Szene: Zwei Wäscheleinen übereinander an einer terrakottafarbenen Hauswand, die Tücher füllen fast das ganze Bild. Dahinter sind zwei Menschen nur als Umrisse zu ahnen.
Was dazwischenhängt, ist nicht das Problem — dass ihr euch dahinter nicht mehr seht, schon.
Weiter auf Seite 2Verschiedene Perspektiven„Das ist eine Phase, das renkt sich ein.“ Oft stimmt das. Viele Paare finden von selbst wieder zueinander, wenn die Kinder schlafen und mehr Luft ents …

Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung. Wenn es dir oder deinem Kind nicht gut geht, wende dich bitte an eine Fachperson.

Häufige Fragen

Ist es normal, dass wir uns nach der Geburt kaum noch etwas zu sagen haben?

Sehr verbreitet. Studien zum Übergang zur Elternschaft finden einen Rückgang der Beziehungszufriedenheit schon in den ersten Monaten nach der Geburt – bei Müttern wie bei Vätern. Das heißt nicht, dass es so bleiben muss, aber es heißt: Ihr seid nicht der Sonderfall.

Warum wirkt mein Partner unter Stress wie ein anderer Mensch?

Unter Dauerbelastung greifen die meisten Menschen auf früh erlernte Muster zurück – aus der eigenen Kindheit, aus früheren Beziehungen. Man lernt sich in dieser Zeit tatsächlich neu kennen, und nicht immer so, wie man gehofft hatte.

Brauchen wir eine Paartherapie?

Nicht als ersten Schritt. Zuerst hilft es meistens, das Thema überhaupt zu benennen. Wenn ihr aber seit Monaten in denselben Streit oder dasselbe Schweigen lauft, ist eine Paarberatung kein Eingeständnis des Scheiterns – sondern der kürzere Weg.

Quellen

  1. Universität Greifswald (mit Universität Tilburg): Studie zum Wohlbefinden beim Übergang zur Mutterschaft, Journal of Personality and Social Psychology – https://www.uni-greifswald.de/forschung/nachrichten-aus-der-forschung/detail/n/mutter-werden-was-sich-im-wohlbefinden-wirklich-veraendert-und-wann-264833/
  2. science.ORF.at: Partnerschaft – Väter nach zweitem Kind zufriedener (Rückgang der Beziehungszufriedenheit besonders stark bei Erstvätern) – https://science.orf.at/stories/3221130/
  3. IFP Familienhandbuch: Partner werden Eltern – Wechselwirkungen zwischen Paaren und Kindern – https://www.familienhandbuch.de/familie-leben/familienformen/muetter-vaeter/partnerwerdeneltern.php