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Gute Mutter, schlechte Mutter: Warum dir beide Schubladen nicht helfen

Perfektionismus hat dich durch Schule, Studium und Job getragen. In der Elternschaft hört er auf zu funktionieren. Warum das kein Versagen ist.

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Gemalte Szene: Eine Frau in weiter Schürze steht an einer übergroßen Tischfläche, auf der Dutzende leere Teller in einem strengen Raster liegen. Sie wendet sich davon ab und greift nach dem einzigen gefüllten Teller in der Mitte.

Nicht jeder Teller muss gefüllt sein. Einer reicht, wenn es der richtige ist.

Du hattest einen Plan. Du wolltest es anders machen als deine Eltern. Nicht schimpfen. Stillen, so lange es geht. Bio kochen. Kein Bildschirm vor drei. Jeden Wutanfall begleiten, ohne selbst zu kollabieren.

Du hattest Bücher gelesen. Du warst vorbereitet.

Und dann sitzt du irgendwann da: Nudeln mit Butter zum dritten Mal diese Woche, das Kind vor dem Tablet, und aus deinem Mund kommt ein Satz, den du aus deiner eigenen Kindheit kennst und nie wieder hören wolltest.

Der Gedanke, der danach kommt, ist immer derselbe: Ich mache das falsch.

Was dahintersteckt

Perfektionismus ist kein Charakterfehler. Für die meisten, die ihn haben, war er über Jahre ein zuverlässiges Werkzeug: In der Schule, im Studium, im Job, oft sogar in der Partnerschaft funktioniert die Rechnung. Wer mehr lernt, mehr vorbereitet, mehr gibt, macht weniger Fehler. Der Zusammenhang ist stabil genug, dass man ihm vertrauen kann.

In der Elternschaft bricht diese Rechnung zusammen — und zwar nicht, weil du dich weniger anstrengst.

Sie bricht zusammen, weil dein Gegenüber kein Prüfungsstoff ist. Ein Kind hat einen eigenen Willen, einen eigenen Rhythmus und eine eigene Tagesform. Mehr Vorbereitung führt hier nicht zu weniger Abweichung. Die Stellschraube, an der du drehst, ist mit dem Ergebnis gar nicht verbunden.

Die Forschung zu elterlichem Burnout beschreibt genau das. Die Arbeitsgruppen um Isabelle Roskam und Moïra Mikolajczak untersuchen seit 2017 ein Erschöpfungsmuster, das sich auf die Elternrolle bezieht: anhaltende Erschöpfung, innerliche Distanz zum eigenen Kind und das Gefühl, als Elternteil nicht mehr wirksam zu sein. In ihren Untersuchungen zeigt sich der Anspruch, eine perfekte Mutter oder ein perfekter Vater zu sein, als eigenständiger Risikofaktor dafür — nicht als Schutz davor.

Dazu kommt etwas, das in keinem Ratgeber steht: Elternschaft isoliert. Freundschaften mit Menschen ohne Kinder werden dünner, ausgerechnet die, die dich aus dem Kopf geholt hätten. Gefühle aus der eigenen Kindheit, die längst einsortiert schienen, stehen plötzlich wieder im Raum. Die Partnerschaft verändert sich — nicht dramatisch, sondern leise, weil keine Zeit mehr da ist und die Erwartungen trotzdem bleiben. Sport, Ernährung, alles, was vorher selbstverständlich war, fällt zuerst weg.

Interessant ist, dass elterliches Burnout kulturell nicht gleich verteilt ist. Im internationalen Vergleich treten die höchsten Raten in individualistisch geprägten, westlichen Ländern auf — dort, wo Leistung, Vergleich und Perfektionsanspruch besonders hoch gewichtet werden und Eltern gleichzeitig am wenigsten ermutigt werden, um Hilfe zu bitten.

Das ist der Teil, der selten gesagt wird: Der Druck, den du spürst, ist nicht nur deiner.

Gemalte Szene: Eine sehr kleine Figur trägt einen turmhohen Stapel Teller durch einen leeren Innenhof mit Arkaden. Der Stapel reicht über den oberen Bildrand hinaus.
Der Anspruch wächst weiter — auch dann, wenn niemand mehr sieht, wie hoch er ist.
Weiter auf Seite 2Verschiedene Perspektiven„Hohe Ansprüche sind doch gut.“ Es stimmt: Wer sich mit Bindung, Schlaf und Ernährung beschäftigt, trifft im Zweifel bessere Entscheidungen als jemand …

Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung. Wenn es dir oder deinem Kind nicht gut geht, wende dich bitte an eine Fachperson.

Häufige Fragen

Ist es schlimm, wenn mein Kind mehr Bildschirmzeit hat, als ich geplant hatte?

Ein einzelner Nachmittag vor dem Bildschirm ist nicht das, was die Entwicklung deines Kindes prägt. Was zählt, ist die Beziehung über Monate und Jahre – und die leidet mehr unter einer dauererschöpften Mutter als unter einer Folge Zeichentrick.

Woran merke ich, dass es mehr ist als normale Erschöpfung?

Anhaltende Erschöpfung in der Elternrolle, innerlicher Abstand zum eigenen Kind und das Gefühl, als Mutter nichts mehr auf die Reihe zu bekommen – wenn das über Wochen bleibt, ist das ein Muster, das Fachleute kennen und ernst nehmen. Sprich mit deiner Hausärztin, einer Hebamme oder einer Beratungsstelle.

Heißt das, ich soll meine Ansprüche einfach aufgeben?

Nein. Es geht nicht um weniger Anspruch, sondern um einen anderen Maßstab. 'Habe ich es heute richtig gemacht?' ist eine Frage, die dich prüft. 'Was hat heute funktioniert?' ist eine, die dich weiterbringt.

Quellen

  1. Mikolajczak, M., Gross, J. J., Roskam, I.: Parental Burnout – What Is It, and Why Does It Matter? Clinical Psychological Science, 2019
  2. Roskam, I. et al.: Aiming to be perfect parents increases the risk of parental burnout, but emotional competence mitigates it (Personality and Individual Differences, 2021)
  3. American Psychological Association: The impact of parental burnout, Monitor on Psychology, Oktober 2021 – https://www.apa.org/monitor/2021/10/cover-parental-burnout
  4. International Investigation of Parental Burnout (IIPB) Consortium: Ländervergleich zu elterlichem Burnout, höhere Raten in individualistischen Kulturen – referiert im APA Monitor, Oktober 2021